~~~* SUMMERTIME *~~~



Die Deutschen - ein seltsames Volk

Es ist Frühling.
Schon allein dieses Aussage lässt darauf schließen, dass ich mich wohl wieder in Deutschland befinden muss. In Indien gibt es nämlich keinen Frühling. Das heisst, es gibt ihn wohl schon. Genauso wie es angeblich einen Winter und einen Sommer gibt. Als ich da war, hab ich das auch alles geglaubt und mir sogar eingebildet, den Wechsel der Jahreszeiten zu spüren. Jetzt, wo ich wieder in Deutschland bin, wird mir klar dass Frühling, Herbst und Winter in Indien wohl ein Gedankenimport aus dem Westen war. In Europa kann man spüren, wie es jeden Tag ein wenig wärmer wird. Man rennt mit einem dicken Wintermantel und Schal rum, sieht seinen Atem beim ausatmen, kann mit nem dicken Wollpulli neben der Heizung chillen und dem Schnee zusehen, findet es morgens ekelhaft, aufzustehen und sich mit kaltem Wasser zu waschen und beschwert sich ständig, es sei doch viel zu kalt. Und plötzlich merkt man mittags nach der Arbeit, man braucht gar keinen dicken Mantel mehr. Stattdessen freut man sich über die ersten Sonnenstrahlen, die hinter den Westerwälder Dauerwolken hervor blitzen, den Springbrunnen, der plötzlich vor sich hinblubbert und das Eiscafé, das nach langer Zeit wieder aufgetaut ist und seine Tische und Stühle neben dem blubbernden Brunnen ausbreitet. Die Blumen beginnen zu duften, und von deren Duft betört werden auch die Menschen wieder freundlicher. Man kauft voreilig Grillfleisch ein denn nach solch langem Warten darf man nun keine Zeit mehr verlieren. Alle putzen wie verrückt ihr Auto, denn die Autofenster anderer Menschen sind ja nun nicht mehr vereist oder verdreckt, und jeder kann wieder staunen, was man doch für einen tollen Wagen fährt. Aber das Beste an dieser Jahreszeit ist eindeutig die Luft. Und wie ich jetzt gelernt habe, ist überhaupt das Beste an Europa die Luft. Und das nicht nur zu dieser Jahreszeit.

Als ich auf dem Flughafen in Paris ankam, war ich ich wirklich überfordert. Unser Flug hatte - wie alles in Indien, oder was aus Indien kommt - Verspätung gehabt. Wir waren von Bangalore aus schon bereits 45 Minuten später abgeflogen. Planmäßig hätte das Flugzeug um 8 Uhr in Paris landen müssen, und mein Anschlussflug wäre um 9 gewesen. Der O-Ton des Flugkapitäns nach der Landung: "Wir haben nur eine Viertelstunde Verspätung und genau 8 Uhr." Alle brachen in Begeisterung aus, aber irgendwas machte mich stutzig. Viertelstunde Verspätung und trotzdem sinds 8 Uhr? Als ich rauskam, war mein Anschlussflug komischerweise weg und auf allen Uhren stand dick und fett 9 Uhr 10. War wohl Inder der Kapitän, und hat die Umstellung auf Sommerzeit komplett ignoriert. Sommerzeit? Was isn das? Sommer ist doch das ganze Jahr...

Mit dem letzten Verspätungsmitbringsel aus Indien also auf zum Flugumbuchen. Von nun an vollzogen sich wahre Wunder. Ich fand einen Schalter mit vier Frauen auf. Vor diesem Schalter befand sich etwas überaus Merkwürdiges. Als ich mich hinter all den Menschen anstellte, brauchte ich ein wenig, um zu bemerken, was so ungewöhnlich war: Ich befand mich mitten in einer WARTESCHLANGE. Mehrere Menschen standen sorgsam hintereinander gereiht vor dem Schalter und immer derjenige am vorderen Ende der Schlange durfte sich mit der nettaussehenden Servicefrau unterhalten. Zwischen der Servicefrau und dem vorderen Ende der Schlange befand sich ein Sicherheitsabstand von bestimmt zwei Metern, der durch eine Linie markiert war. Und dieser Sicherheitsabstand wurde doch tatsächlich freiwillig von dem vorderen Ende der Schlange eingehalten! Ohne Absperrung, ohne korrupten Beamten mit Knarre in der Hand und ohne auch nur einmal rumzumurren! Unglaublich. Und das ist noch nicht genug. Im restlichen Teil der Schlange wurde zwischen jeder einzelnen Person nocheinmal ein kleiner Sicherheitsabstand bewahrt, man könnte auch von einer respektierten Intimsspäre sprechen. Und das auch noch ohne Markierlinie dazwischen! Das System ging noch weiter. Die vier Servicefrauen saßen direkt nebeneinander, so ging der Vorderste der Schlange zu Frau Nr. 1, der danach kam zu Frau Nr. 2 und so weiter. Durch das 4-Schaltersystem musste man nicht lange warten, bis man an der Reihe war. Und durch den Sicherheitsabstand durfte man mit der Frau solange quatschen bis auch die letzte Frage geklärt war, ohne Angst zu haben, gleich von hinten weggekickt zu werden. Kurz gesagt, man kam aus der ganzen Sache heraus, ohne einen einzigen blauen Flecken am Körper aufweisen zu müssen und mit Informationen so vollgepumpt, dass man das Gefühl hatte, man wäre nun in der Lage, selbst den Anschlussflug zu starten.

Schon bald traf ich Weltwunder Nr. 2. Die Frage nach einem Telefon endete in einem - mir schien es - zwanzigminütigen Referat. "Gehen Sie dahinten links, dann die Treppe hoch, den rechten Gang entlang, dort müsste es sich auf der linken Seite befinden." Bitte? Wie soll ich mir das alles merken? Normalerweise hat so'n Telefon doch straight, straight zu sein. Schon fast kleinlaut sagte ich "Thank u" (die Inder machen sich immer lustig über das Höflichkeitsgetue der Westler), als mir doch tatsächlich ein fettes "You're welcome" mit freundlichem Grinsen hinterhergeschmettert wurde. Das war gerade eine exakte Wegbeschreibung ohne undefinierbares Kopfschütteln und man hatte sogar noch den Eindruck, als hätte das Gegenüber TATSÄCHLICH gewusst, worum es bei der Frage ging. Mit meiner gerade erhaltenen Map24 Auskunft im Gehirn begab ich mich auf den Weg zum Telefon und fand es im ersten Anlauf. Wofür haben die Europäer eigentlich Navigationssysteme in
ihren Autos, wenn man Hinz und Kunz nach dem Weg fragen kann. Etwas weiteres fiel mir während der Suche nach dem Telefon auf. Nicht nur die Wegbeschreibung ließ mich mein Ziel direkt finden, sondern auch das Telefon selbst strahlte mich in diesem leeren Gang geradezu an, dass ich nicht hätte vorbeilaufen können. Es gab keine Kuh, die sich vor es gestellt hatte, keine Schar Kinder die es zum spielen benutzte und kein Müllberg, der es verdeckte. Überhaupt leerer Gang. Überhaupt Gang. Für solche Spirenzien hätten die Inder überhaupt keinen Platz. Ein Raum, der lediglich dazu dient, in einen anderen Raum zu gelangen. Was für ein verschenkter Erdnussgrillort, Bananenstaudenerdfleck, Müllplatz, Feuerstelle, Wohnraum, Rikshawparkplatz, Orangenversteck, Nähmaschinenplatzierungsort. Wo in Indien die Menschen mit einem deutlichen Minderwertigkeitskomplex verzeichnet sind, weil es von ihnen eine Milliarde gibt, dürfte hier in Europa der verfügbare Raum die Oberhand über die Anzahl der Menschen haben. Mit diesem Phänomen sollte ich mich später noch des Öfteren beschäftigen.

Ich stolzierte zur Handgepäckkontrolle, als mich doch so'n uniformierter Spinner schon wieder anquatschte: "any cream or shampoo? - Irgendwelche Creme oder Shampoo?" Ich hab gedacht, ich hör nicht richtig und schrullte ein lautes "No, no!" zurück. Gerade aus dem Flugzeug raus und schon soll man wieder irgendwas kaufen. Ein Mitreisender machte mich womöglich aufgrund meines entsetzten Tonfalls darauf aufmerksam, dass die bloß wissen wollen, ob ich ne Zahnpastatube im Handgepäck habe, die da nicht hingehört.

Das Flughafengelände selbst sah sehr futuremäßig aus. Hohe Glaswände erstreckten sich die Wartehalle entlang durch die man die Flugzeuge beobachten konnte. Vor den Aussichtswänden waren Massagesessel angebracht, aus denen man einen noch bequemeren Blick nach draußen hatte. Es gab zwei kleine Café's, in denen man für unmenschliche Preise eine Dose Cola erwerben konnte. Für den Preis hätte ich mir in Indien zwei ganze Mittagessen samt Getränk und Nachtisch leisten können. Mein umgebuchter Anschlussflug sollte in fünf Stunden gehen und das Wasser und das Minisandwich, was ich als Entschädigung bekommen hatte, waren schon verspeist. Euros besaß ich keine und ich war gerade am überlegen, wie ich fünf Stunden ohne Wasser aushalten sollte, als es mir siedendheiß einfiel: Es gibt ja trinkbares Leitungswasser!! Wie geil ist das denn? Trinkbares Wasser,abholbar am Klo, völlig umsonst, und dennoch gab es zahlreiche Freaks die sich für 3 Euro Wasser inner Flasche im Café holten. Vielleicht fanden sie den Verkäufer geil oder warn scharf auf die Flasche. Was weiß ich. Mein Gang auf die Toilette löste bei mir wahre Glückshormone aus. Und das nicht nur aufgrund der gefundenen Wasserquelle und der Erleichterung meiner Blase. Es gab dort riesige Spiegel, in denen man sich vollständig betrachten konnte. Seifenspender standen gefüllt bereit und die Wasserhähne blitzten im Glühbirnenlicht. Auf der Toilette selbst (die natürlich ein Sitzklo war) gab es in großen Mengen Klopapier. Der Boden war sorgsam geputzt und man hatte keinen Grund, seine Hose hochzuhalten um sie nicht schmutzig zu machen. Ich hatte gerade eine großzügige Portion Klopapier abgerissen um sie auf der Klobrille auszulegen, als ich sah, dass sich kein einziger Tropfen Urin auf der Brille befand. Der Spülkasten schien ebenfalls zu funktionieren denn ich konnte weder verfärbtes Wasser noch Darmausscheidungen entdecken und irgendwelche Deppen schienen gar die Klobürste zu benutzen. Also weg mit dem Klopapier. Einen kleinen Nachteil an europäischen Klo's gibt es nun leider doch zu vermerken: Es ist sehr leise. Keine Frauen, die laut rumerzählen, ihre plärrenden Säuglinge im Schlepptau. Keine Hupkulisse von draußen. Da werden einem leider keine Peinlichkeiten erspart, wenn man Durchfall hat. Danach durfte ich dann beim Händewaschen mein hochrotes Gesicht im Spiegel entdecken, aber dafür auch feststellen, dass ich nach acht Monaten Indien endlich mal nicht mehr die Blasseste war!

Ich kam mir sogar richtig braun vor. In einer Masse aus weißen Menschen saß ich in der Wartehalle und es interessierte sich einfach kein Arsch dafür, was ich tat. Ich konnte lesen, Musik hören, einpennen, einfach nur dummrumgucken. Ich konnte sogar sitzen wie ich wollte, mit überschlagenen Beinen oder tief in den Sitz gefallen, ohne dass mich jemand des aufreizenden Verhaltens bezichtigt hätte. Ich hätte aufstehen können und wild um meinen Sitz herumspringen, rauchen und Bier saufen, mir einen Bikini anziehen können, es hätte niemanden auch nur die Bohne interessiert. Alle sahen so beschäftigt aus. Es war eine plumpe Wartehalle, aber statt Sinn und Zweck der Halle zu erfüllen und einfach nur zu warten, erweckte jeder den Eindruck, als würde er sich gerade auf die wichtigste Stunde seines Lebens vorbereiten. Sie lasen eifrig in ihren Büchern und Magazinen, machten sich Notizen auf einem Block, führten mit ernster Miene Gespräche an ihrem Handy, tippten eifrig auf ihrem Laptop und rannten in sagenhaften Tempo von Cola- zu Sandwichständen. Es schien, als wäre jeder in seiner eigenen Welt gefangen und bewege sich in einer unsichtbaren Zelle hin und her. Genau, unsichtbare Zellen! Das war wohl auch der Grund für diese unsagbar reine Luft. Wie kann Luft nur so sauber sein und egal, wo man sich gerade befindet, immer geruchslos bleiben? Die armen Menschen sind in ihren Zellen wahrscheinlich vor lauter Körperausdunstungen erstickt, denn draußen war nämlich nichts zu riechen. Und es gab sogar Behälter, in denen man seinen Müll deponieren konnte. Und das auch noch an jeder Ecke. Die unsichtbaren Zellen führten wohl auch dazu, dass keiner mehr in der Lage war, seinen Mund aufzumachen. "What's your name, You're from which place, How you like France - Wie heißt du, Woher bist du, Wie findest du Frankreich?" schien irgendwie keinen zu interessieren. Mein tiefgründigstes Gespräch in diesem Aufenthaltraum thematisierte den damaligen Stand der Uhrzeit und war damit auch schon wieder beendet.

Nachdem das Flugzeug noch auf mich warten musste, weil ich nach dem Einsteigen bemerkt hatte, dass mein Bass noch in der Wartehalle unter meinem Sitz schlummerte, gings endlich nach Düsseldorf. Mit meiner Sitznachbarin verständigte ich mich auf Englisch, weil sie französischen Wein trank und ich in einer französischen Zeitung blätterte, bis wir nach der Landung feststellten, dass wir beide aus Deutschland waren. Sie erzählte mir, dass sie doch schon 12 Stunden Flug von sonstwas hinter sich hätte und was das denn für ein Stress wäre. Als ich ihr meine Flugstrecke erzählte, war sie völlig entsetzt: "WAS? 5 Stunden Wartezeit? Das gibt's doch nicht. Da haben Sie ja eine noch schlimmere Strecke hinter sich als ich!" Komisch, diese Deutschen. Die 8 Stunden Flug hab ich gar nicht bemerkt. In 8 Stunden wär ich in Indien noch nichtmal von Bangalore nach Dharwad (400 km) gekommen, aber im Flugzeug schon von Bangalore nach Paris und das auch noch mit
brandaktueller Kinounterhaltung in meinem eigenen kleinen Fernseher! Und was sind schon 5 Stunden Wartezeit? Ich denke da an die zwei Tage Zugreise von Delhi in den Süden, bei der das Gefährt manchmal mitten in den Feldern anhält und man stundenlang wartet, bis es seinen Weg fortsetzt.

Und schliesslich war es dann soweit. Nach acht Monaten Sommer erreichte ich das kalte Deutschland, wo alle mit Schal und Mantel umherrannten. Meine beiden Eldies und der Ährisch holten mich am Flughafen ab und ich hab mich natürlich derbe gefreut! Der erste Kulturschock war eine Frau am Flughafen, die im übelsten Ruhrpottdialekt laut herumdiskutierte. Wir liefen zum Parkhaus und meine Mama drückte mir erstmal ne Fleischwurst mit Senf in die Hand. Willkommen in Deutschland! War saulecker, auch wenn der Senf seltsam unwürzig war und eher wie ungezuckerte Sahne schmeckte. Und ab auf die Autobahn, war das geil, die ganzen blauen Schilder wiederzusehen. Der Himmel war strahlend blau, die Sonne schien und es schien mir schwer vorstellbar, dass es die selbe Sonne sein musste, die ich tags zuvor noch in Indien gesehen hatte. Wie kann sie auf all die Rikshaws in den überfüllten, zauberhaftbunten Straßen Indiens und gleichzeitig auf die blankgewienerten Mercedes auf Deutschlands grauen Autobahnstrecken scheinen? Es fühlte sich so frisch an, Auto zu fahren, und ich wusste gar nicht, warum. Seltsam leise war die Fahrt. Achja richtig, auf den Autobahnen hier gibts nur selten Schlaglöcher. Aber das konnte doch nicht alles sein. Schließlich fuhr ein Auto vor uns und genau auf dem Streifen zwischen zwei Spuren. Mein Papa drückte kurz auf die Hupe und in diesem Moment fiel es mir wieder ein: Die Hupe fehlte! Deswegen war hier alles so leise. Begeistert rief ich "Ja, gleich nochmal!". Mein Papa dachte, ich hätte es ironisch gemeint und gab zurück "Ich musste ja jetzt wohl mal auf die Hupe drücken!". Eine Rechtfertigung für einen Huper. Wenn das die Inder wüssten.. Auch das Tempo bereitete mir ein wenig Angst. Auf indischen Autobahnen war die Höchstgeschwindigkeit 70 Kmh gewesen, in den Städten blieb einem nichts anderes übrig, als 20 oder 30 zu fahren. Aber auf der anderen Seite war alles so leer. Vorher hatte ich mir noch Gedanken gemacht, ob ich mich direkt wieder ans Autofahren trauen würde, aber das ist ja wohl ein Witz. Es sind so gut wie keine Autos auf der Straße, die Leute halten sich meist an die Verkehrsregeln (ja, es gibt hier Verkehrsregeln!) und es existieren sogar Schilder mit der Aufschrift "Straßenschäden". Ha,ha. Am Anfang hab ich mich noch gefreut bei deren Anblick und dachte, ich könnte auf den nächsten Metern ein kleines indisches Feeling erhaschen. Doch bei den sogenannten "Straßenschäden" ist noch nichtmal mein Arsch in die Höhe geflogen, ganz zu Schweigen davon, dass mein Kopf an die Decke gestoßen wäre. Langweilig, die Straßenschäden hier. Ich finde, man sollte die Schilder in ganz Deutschland abmontieren und in Indien wieder aufbauen. Lustig finde ich hier auch die Ampeln. Ampeln für Straßenkreuzungen wie beispielsweise in Montabaur, die doch sowieso komplett leer sind. Und am Geilsten ist dann, wenn ne Ampel auf Rot ist, die übrigen Straßen außnahmslos leer, und die Deutschen trotzdem anhalten. Wie fett ist das! Eine Straße ist leer und man hält an, nur weil ein rotes Lämpchen aufleuchtet. Das klingt ein bisschen nach "Reise nach Jerusalem". Statt dem Cassettenrekorder steht da der Polizist, der das Lämpchen anmacht. Und wer sich kein Plätzchen sichert, fliegt raus ausem Verkehr. Ich muss mir jedesmal derbst einen abgrinsen. Überhaupt ist es interessant, eine Straße zu beobachten. Würde man mit Maßbändern den Abstand zwischen den vorbeifahrenden Autos messen, käme man auf das Ergebnis, dass dieser zwischen allen Autos fast peinlich genau der gleiche ist. Wie bekommen die Deutschen das nur hin?

Wir kamen in Herschbach an. Als ich aus dem Auto stieg, fasste ich mir ein paar mal an meine Ohren. Irgendwas konnte doch nicht stimmen. Was ich hörte, war nichts. Einfach nur nichts. Völlige Stille. Nocheinmal drückte ich an meinen Ohren herum. Aber es blieb dabei. Es war Montag spätnachmittag und einfach nur still. Das konnte einen ja wahnsinnig machen. Wo waren all die Leute? Es konnte doch nicht sein, dass es im letzten halben Jahr über 3000 Todesfälle gegeben hatte und nur meine Eltern überlebt hatten. An der Wohnzimmertür in unserem Haus hing ein HerzlichWillkommen aus einer Milkapralinenschachtel und Russisch Brot, genial!! Ich bekam direkt Besuch und sogar meine Sista samt family kam vorbei und es gab nen diggen Fantakuchen.. Irgendwie isses ja doch schön, nach Hause zu kommen. Als ich am nächsten Morgen in die Küche kam, fühlte ich mich leicht geblendet von den Fließen und dem Frühstücksgeschirr, was da so vor sich hinblinkte. Nicht nur meine Eltern, sogar das ganze Besteck strahlte mich an und ich musste ein paar mal blinzeln. Ist sowas in Deutschland normal oder ein Fall von Sauberkeitsfimmel? Mit Ährisch machte ich einen Sparziergang durch das mir seltsam vertraute "häschbisch". Alles war so groß, so leer, so leise. Es gab keine Menschen auf den Straßen und man hatte einfach unglaublich viel Platz. Wir konnten uns unterhalten, ohne uns gegenseitig anzuschreien. Wir schwebten geradezu auf der Hauptstraße entlang, und ich wurde kein einziges Mal angefahren. Keine Kuh, keine Rikshaw, kein Moped unterbrach unser Gespräch. Gefühl von absoluter Freiheit. Der Wagweiher blitzte und funkelte und selbst der Steinweg drumherum kam mir so glatt vor. Ich konnte das erste mal in meinem Leben verstehen, warum es Menschen gibt, die in solchen Gegenden Urlaub machen. Erholung pur. Und auch hier wieder: Luft! frische, kühle, nach Tannen duftende Frühlingsluft. Man sollte sie in Plastiktüten packen und in Indien verkaufen. Ist bestimmt ne Marktlücke.

Die ersten Tage in Deutschland waren sehr komisch. Ich kam zurück mit einem Koffer vollgestopft mit Erlebnissen, guten wie schlechten, Tagen voller Wunderlichkeiten und Überraschungen. Und plötzlich war ich wieder hier. In Herschbach im Westerwald in Deutschland und nichts schien sich verändert zu haben. Ich war acht Monate lang weggewesen, hatte mit sovielen Menschen geredet, soviele Orte betrachtet, und meinem Bett schien nix besseres einzufallen, als immer noch am selben Fleck zu stehen. In meinem CD-Player lag die selbe CD wie ein halbes Jahr zuvor und in meinem Bad glotzten mich immer noch die gleichen Gesichter von den gleichen alten Fotos an. Man hat das Gefühl, um soviele Erfahrungen reicher und erwachsener geworden zu sein, und plötzlich fühlt man sich in seinem eigenen Zimmer wie ein Gefangener in der eigenen Vergangenheit. Vielleicht klingt es zu brutal und man sollte nicht vergessen, dass ich mich durchaus wohl fühle, wieder hier zu sein. Aber dennoch ist es etwas sehr Merkwürdiges, zurückzukehren. Ich hatte ehrlich gesagt nicht viel Lust, viel über Indien zu erzählen. Die Leuten fragten, wie es in Indien war. Was soll ich sagen? "Schön." Ein paar Anekdoten, ein paar Eigenarten der Inder. Das war's. Mehr interessiert sie auch gar nicht. Und das Gespräch lenkt sich wieder auf andere Themen, auf die Nachbarin im Altenheim, auf ein neues Café am Marktplatz, auf die diesjährige Kirmes, auf den Zahnarzttermin, auf das, was es morgen zu essen gibt. Es soll nicht so klingen, als empfände ich all diese Themen als nebensächlich und nicht erwähnenswert. Aber es sind genau diese Momente, in denen einem bewusst wird, dass das Leben, welches man noch bis vor wenigen Stunden hatte, nicht mehr weiter existiert. Es fühlt sich an, als hätte man soeben etwas zu Grabe getragen. Man denkt, das kann doch nicht sein, wo ist Indien, wo sind all die Menschen dort, wo ist das Guesthouse, wo ist das Behindertenheim, wo sind die Leute vom Office, wo sind die überfüllten Bahnhöfe, muss ich mir nicht gleich ne Rikshaw zur Arbeit nehmen? Von Jetzt auf Gleich ist alles weg, und die einzige Überlebende war scheinbar ich. Gestrandet auf einem seltsamen Planeten, dessen Bewohner das Wort "Indien" nur mit ungewürztem Chicken Curry aus dem sauberen Lokal nebenan verbinden, mit Mutter Theresa und roten Punkten auf der Stirn, und für die Indien womöglich auf ewig ein unendecktes Feld bleiben wird, denn dass das für Europäer wohl unauffindbar ist, das hat ja Kolumbus schon damals bewiesen.

Mit der Zeit lebt man sich jedoch auch im kalten Deutschland wieder ein. Mir macht es Spaß, die Welt mal aus einer etwas anderen Perspektive zu betrachten. Ich gehe morgens durch das Zentrum Montabaurs und erfreue mich an den vielen Fachwerkhäusern. Menschen sieht man nur wenig auf den Straßen. Wenn man welche sieht, huschen sie eilig vorbei. Ich mag den Anblick der dicken warmen Wintermäntel und der Schals. Der Bäume, die nun langsam wieder ein wenig Grün zeigen. Ich mag es, meinen Atem sehen zu können. Ich liebe den Duft der Tannen und der Blumen, das hörbare Vogelgezwitscher, den Geruch nach frischen Brötchen, der am frühen morgen aus den Bäckereien in die Straßen strömt. Ich mag das Kopfsteinpflaster, den Brunnen und das alte Rathaus. Ich mag das Gefühl, mich frei bewegen zu können. Und ich mag sogar die Stille, manchmal.

Eines Morgens ging ich in eine Bäckerei und bestellte mir ein Apfelteilchen. Die dreieckigen Teilchen waren mit der Spitze nach unten sorgsam hinter der schrägen Glasscheibe der Theke aufgereiht. Nachdem die Verkäuferin mir mein Frühstück eingepackt hatte, meinte sie zu ihrer Gehilfin: "Die liege falsch rimm, die apfelteilcha. die gehern annerscht rimm. - Die liegen falsch rum, die Apfelteilchen. Sie gehören anders herum." Die andere junge Frau guckte erschrocken, darauf meinte die Alte: "Net ofrege, net ofrege. mer mache dat schon. - Nicht aufregen, nicht aufregen. Wir machen das schon." Deutschland hat schon was Komödienhaftes. In Indien werden mit dreckigen Fingern am Straßenrand zwischen Kühen und deren Kacke die Chapati in die Pfanne gehauen. Beinamputierte Kinder robben durch den Zug und versuchen sich ein paar Rupees zu verdienen, indem sie unter den Sitzen den Dreck wegputzen. Omas klettern mit letzter Kraft auf die Dächer überfüllter Busse. Dürre Männer ziehen Karren mit Dutzenden von schweren Reissäcken über die Straße. Es gibt Menschen, die im Müll wühlen um etwas Essbares zu finden. Und in Deutschland wird über die korrekte Ausstellung von dreieckigen Apfelteilchen hinter der Glasscheibentheke diskutiert. Tomaten müssen EU-maße erfüllen. Babys können von nun an in den Genuß eines speziell aufbereiteten Trinkwassers kommen, keimfrei abgefüllt für die Zubereitung von Brei und Milchnahrung. Im Krankenhaus muss man sich nicht nur auf der Intensivstation mit Desinfektionsmitteln die Hände waschen. Im Sommer bloß dick eingecremt mit Kappe und langen Ärmeln rausgehen. Und Pommes und Chips sind ja sowieso krebserregend. Heruntergefallenes Essen wandert in den Müll, da es gerade in Deutschland ja unglaublich dreckig auf den Straßen ist. Und bloß die Kinder nicht noch in diesem "Dreck" spielen lassen, sie könnten sich ja was einfangen.

Viele Menschen meinen, sie könnten nie und nimmer nach Indien gehen, da sie den Anblick der vielen Armut nicht ertragen würden. Auf der einen Seite kann ich dies bestätigen. Auf der anderen Seite kann ich von mir selbst aus nur sagen, dass ich noch so viel Mitleid empfunden habe, wie jetzt, seitdem ich wieder in Deutschland bin. Ich habe permanent ein schlechtes Gewissen. Die vielen alten Menschen, die Tag für Tag alleine in ihrer viel zu großen Wohnung leben. Die Zeitungsverkäuferin in ihrem Laden, die extra so früh aufgestanden ist, und nun bleibt ihr kleines Geschäft doch wieder unbesucht. Ein eingesperrter Hund, der in seinem winzigen Zwinger losbellt, wenn nur mal ein Auto die einsame Straße entlangfährt. Oder der kleine Junge mit seinem Fahrrad, verloren in der endlos leeren Straße. Denn Freunde in seinem Alter findet er kaum. Wir mussten viel opfern, um frei und unabhängig zu werden.

Wie man liest, meine Gefühle sind durchaus sehr gemischt. Natürlich fallen mir nun viele negative Eigenschaften Deutschlands sehr ins Auge. Aber ich darf nicht vergessen, dass ich tatsächlich ein großes Maß an Freiheit zurückerhalten habe. Ich habe wieder ein Klavier und einen Bass, und somit ein Hobby, ein Begriff, der in Indien eher unbekannt ist. Ich bin als Frau weitgehend gleichberechtigt und kann bis zum frühen Morgen Party machen. Ich bin stolze Besitzerin eines Führerscheins und Essen ist nun nicht mehr das Hauptthema in meinem Leben. Ich kann auf meiner Anlage Musik hören, so laut ich möchte und die Leute finden es nicht ungewöhnlich, wenn man einen Ausschnitt im T-Shirt hat. Ich darf sogar mit dreckigen Klamotten rumrennen und es als "Fashion" bezeichnen. Ich muss mich auch nicht mehr dafür schämen, kein Patriot zu sein.

In positiven, wie auch in negativen Dingen hat Indien mir geholfen, alles mal aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Das Umfeld mit anderen Augen wahrzunehmen. Und ich hätte nie gedacht, dass das Verhalten der Deutschen manchmal so unglaublich komisch sein kann..

In diesem Sinne: Es gibt noch viel zu entdecken!
Ne kuschelige Nacht und warme Socken wünscht euch
die zurückgekehrte Bääääggggiiii (bäg bäg bäg to görmänyyy)
27.4.08 14:46
 


bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Grit (28.4.08 08:14)
gut wie immer, aber der letzte blog? es ist soooooo schade!


Schwesterherz / Website (7.5.08 21:56)
Fantastisch! Einfach fantastisch, wie Du schreibst - und das sage ich nicht nur aus schwesterlichem Stolz heraus (obwohl der auch mitschwingt ;-)).
Du solltest was draus machen aus dieser Begabung! Ich lebe hier in Deutschland nun auch schon einige Jahrzehnte, habe sicher auch über vieles von dem, was Du schreibst, schon nachgedacht und doch: es ist, als ob einem die Augen nochmals (anders?!?) geöffnet werden...
Danke, danke, danke - für alle Deine blogs!!!
Deine Schwester


Beate (Bechtolsheim) (20.5.08 14:40)
Kann mich deiner Schwester nur anschließen.
Du hast einfach ganz goll geschrieben. Man lebt das ganze wirklich ein bißchen mit.
Auch von mir vielen Dank dafür.
Liebe Grüße
Beate


(15.2.11 23:37)
Hy es ist da im februar 2011....
du bist wieder in deinem geliebten indien (das ich auch immer mehr liebe-nachdem ich die reise verdaut hatte...) und ich warte auf neue einträge von dir.
auf jeden fall wünsch ich dir eine super zeit

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